Konzept

Von der Grenze zum Grenzraum

Die Lage der Nachbarstädte Görlitz und Zgorzelec ermöglicht es, sich einem wichtigen Ort auf der literarischen Landkarte – der Grenzlandschaft – zu widmen, und aus vergangenem und gegenwärtigem Blick die sensiblen Beziehungen zwischen den Ländern im östlichen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart zu betrachten. Das Thema der 3. Literaturtagen an der Neiße lautet deshalb: Crossing Borderlands - Geschichten vom europäischen Grenzland.

 

Seit einiger Zeit steht das Wort Grenze wie kein anderes im Zentrum gesellschaftspolitischer Debatten und prägt nicht zuletzt durch die Diskussion über aktuelle Migrationsbewegungen, den Schengenraum oder etwa die Eurozone die mediale Berichterstattung vieler europäischer Länder. Dabei wird der dem (Alt-)Polnischen „granica“ entlehnte Begriff häufig nur in seiner ersten, exkludierenden Bedeutung verwendet, nämlich als Trennwert, Trennfläche oder Trennlinie, die in Form eines Zaunes, einer Mauer, eines Grenzpfahls Räume begrenzt. Es wird außer Acht gelassen, dass Grenzen nicht nur trennen, sondern auch verbinden können. So stellen Grenzräume nicht nur gesellschaftlich und kulturell, sondern auch wirtschaftlich spannende Exempel des Miteinanders, gegenseitigen Durchdringens und der kulturellen Verflechtung dar. Während Staatsgrenzen relativ starr Räume markieren, sind beispielsweise Kulturräume oder Landschaften relativ unscharf konturiert. Soziale, ethnische, kulturelle Grenzlinien sind wandelbar und durchlässig, die Grenzen der Toleranz dehnbar und verhandelbar. Was den Bereich der Literatur und Kunst angeht, sind unserer Imagination und Kreativität gar keine Grenzen gesetzt.


Dem Phänomen der Grenze und den verschiedenen Aspekten ihrer Überwindung werden sich die 3. Literaturtage an der Neiße am authentischen Ort - in der Grenzstadt Görlitz-Zgorzelec - widmen. Die Region ist nicht nur für ihre kulturelle und sprachliche Vielfalt bekannt, auch die multinationale und -kulturelle Geschichte Schlesiens mit ihren sich gegenseitig befruchtenden deutschen, polnischen, böhmischen und habsburgischen Einflüssen ist für das Verständnis der Identität im deutsch-polnisch-tschechischen Grenzland von Bedeutung. Gleichwohl liegen beide Städte an der Lausitzer Neiße, einem Grenzfluss, der noch bis vor kurzem nicht verband, sondern teilte.