Feierliche Eröffnung der Literaturtage

Die 3. Literaturtage an der Neiße wurden am 12. April 2018 im Kulturforum Görlitzer Synagoge eröffnet. Das zahlreiche Publikum wurde von:

  • Dr. Michael Wieler, Bürgermeister der Stadt Görlitz,
  • Rafał Gronicz, Bürgermeister der Stadt Zgorzelec und
  • MinDirig i. R. Winfried Smaczny, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Kulturforums östliches Europa, Potsdam

begrüßt.

 

Rafał Gronicz ist in seiner Begrüßung auf die aktuellen, politischen Entwicklungen in Polen und ihre Auswirkungen auf das deutsch-polnische Verhältnis eingegangen und hat für die Notwendigkeit eines Dialogs plädiert:


Vor zwei Jahren, bei der Eröffnung der 2. Literaturtage an der Neiße, hab ich hervorgehoben, dass ich mich über die Fortsetzung des 2014 initiierten Dialogs sehr freue. Eines Dialogs über uns und miteinander, eines Gesprächs darüber, wie wir sind und wie die Welt ist, in der wir leben, die nach unseren Bedürfnissen und Wünschen gestaltet ist. In der damaligen Eröffnungsrede hab ich mir die Refleksion erlaubt, dass uns das erhrliche Gespräch immer wieder gut tut, obwohl wir uns als Nachbarn schon sehr gut kennen, verstehen und miteinander zusammenarbeiten. Doch angesichts der gegenwärtigen Krisen, Konflikte, wachsenden Nationalismen und Fremdenfeindlichkeit, der das Internet und die Straßen beherrschenden, ist der Dialog nach wie vor notwendig.


Zwei Jahre später ist diese Reflexion leider immer noch aktuell. Mehr noch, die gegenwärtige Entwicklung, ihre Richtung und die herrschende Rethorik haben wieder einen Knoten festgemacht, den wir – in der Hoffnung auf vollständiges Lösen – zusammen etwas lockern konnten. Ich weiß, dass wir, Polen, wieder für unsere Nachbarn, aber auch für uns selbst, ein Rätsel geworden sind. Die Gräben des Unverständnisses sind tiefer geworden. Wir sprechen nicht mehr miteinander, wir schreien uns an. Wir zerstören Brücken und Beziehungen zwischen uns und in uns, mit den Nachbarn und Partnern. Wenn wir nicht anfangen, miteinander offen zu reden, insbesondere darüber, was uns weh tut, was schwierig ist, dann - davon bin ich überzeugt – entsteht um uns herum eine hohe Mauer, die äußert schwer niederzureisen sein wird.


Deswegen freue ich mich auf neue Begegnungen, auf gemeinsame Grenzüberschreitung, Barrierenüberwindung, Diskussionen. Ich glaube nämlich an die heilende Kraft des Erzählens und des Gesprächs, durch das uns die einzigartigen, mutigen und erfahrenen Meistern des Wortes lotsen. Die Literaturtage an der Nieße bieten Begegnungen mit den besten, die unter uns leben, uns kennen und offen sagen, wie wir sind. Hören wir auf ihre Stimme.

Nach den Grußworten fand eine Podiumsdiskussion mit Uwe-Karsten Heye, Olga Tokarczuk und Najem Wali zum Thema: Sharing Europe – Wie viele Grenzen verträgt Europa? statt.

Unter dem Motto Sharing Heritage hat die Europäische Kommission das Jahr 2018 zum Europäischen Kulturerbejahr ausgerufen. Der englische Titel soll den gemeinschaftlichen und verbindenden Charakter des kulturellen Erbes Europas unterstreichen, eines Erbes, das allen gehört und für das wir gemeinsam die Verantwortung tragen. Doch wie verhält es sich zurzeit mit Europa als Kulturraum, als politisches Konzept und gesellschaftlicher Auftrag? Für welche Werte steht der alte Kontinent? Sind wir bereit, für seine Werte einzustehen und ihn mit anderen zu teilen?


Die Diskussion um die Aufnahme von Geflüchteten, die seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas geführt wird, löste nicht nur eine Anti-Migrationsdebatte aus, sondern eine regelrechte Hetze gegen das Fremde und das liberale Denken schlechthin. Sie brachte Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Polen auf Konfrontationskurs mit der Europäischen Union. Beginnt das Bild Europas als Festung liberaler Demokratien vor unseren Augen zu bröckeln? Gewinnt der Nationalismus an Macht und Einfluss?


Unsere Gäste – Uwe-Karsten Heye und Najem Wali – haben in ihren Heimatländern Krieg und Flucht erfahren. Sie waren Vertriebene und Schutzsuchende, heute setzen sie sich für Menschen ein, die – wie einst sie selbst – auf der Suche nach einer neuen Heimat sind. Olga Tokarczuk steht mit ihrem literarischen Werk der aktuellen polnischen Geschichtspolitik mit ihrer Hinwendung zum Nationalen entgegen. Als sie nach der Veröffentlichung ihres letzten Romans Księgi Jakubowe (erschienen 2015, bisher ohne deutsche Übersetzung) Kritik am Kurs der polnischen Regierung übte und sich für ein weltoffenes Polen aussprach, bekam sie es in ihrer Heimat Polen mit Hasstiraden und Morddrohungen zu tun.

Uwe-Karsten Heye, in Reichenberg (heute Liberec) geboren, Journalist, arbeitete als Redenschreiber für Willy Brandt, Regierungssprecher von Gerhard Schröder sowie als Autor für ARD und ZDF. Seine Erinnerungen an Flucht und Nachkriegszeit Vom Glück nur ein Schatten wurden unter dem Titel Schicksalsjahre mit Maria Furtwängler verfilmt. 2000 gründete Heye den Verein Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland, dessen Vorsitzende er ist. Im März 2018 erscheint seine Autobiographie Und nicht vergessen.

Olga Tokarczuk, in Sulechów geboren, ist Psychologin und Schriftstellerin. Ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit mehreren NIKE-Preisen, dem Usedomer Literaturpreis und dem Internationalen Brückepreis der Europastadt Görlitz-Zgorzelec. Auf Deutsch erschienen bisher u.a. die Romane Taghaus, Nachthaus (2001), Spiel auf vielen Trommeln (2006), Unrast (2009) und Der Gesang der Fledermäuse (2011). Der letztere Roman wurde 2017 von Agnieszka Holland unter dem Titel Die Spur verfilmt.

Najem Wali, im irakischen Basra geboren, flüchtete 1980 nach Ausbruch des Iran-Irak-Kriegs nach Deutschland. Er war lange Zeit Kulturkorrespondent der arabischen Tageszeitung Al-Hayat und schreibt regelmäßig u. a. für die Süddeutsche Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung, die taz und den Spiegel. Er veröffentlichte zahlreiche Romane und Erzählungen. Zuletzt erschien Die Balkanroute. Fluch und Segen der Jahrtausende (2017) und Saras Stunde (2018).

Moderation: Dr. Weronika Priesmeyer-Tkocz, Europäische Akademie Berlin
Sprachen: DE und PL, simultane Übersetzung von Piotr Żwak.